18.6.2017

Honningsvåg – auf der Polaris, Postschiff der Hurtigrute 

Bevor ich mich in die Abgründe meiner tiefgründigen Gedanken begeben werde, denn ich habe jetzt nahezu 24 Stunden Zeit zu reflektieren, möchte ich vorher die letzten beiden Tage nochmals Revue passieren lassen. Denn es jagt für mich ein Highlight das andere. 

Als ich vorgestern von diesem netten Busfahrer mitgenommen wurde, um diese blöden Tunnels zu umgehen, lernte ich Alex aus Passau kennen. Er arbeitet hier bis September oder Oktober als Guide. 2 Tage war ich bei ihm und seinem Mitbewohner, der ebenfalls Alex heißt und ebenfalls aus Passau kommt. 

Die Wohnung wurde nun von Alex, Alex und Alois bewohnt!

Ich wollte mich dann gleich erkenntlich zeigen, bin zum Einkaufen, habe ordentlich eingekauft und Bier besorgt. Dann habe ich gekocht. Die beiden erzählten mir, es würde hier, 10 Kilometer nördlich von Honningsvåg seit 1971 ein Passauer wohnen. Den möchte ich kennenlernen, ist doch klar, den Bayern, der am nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes lebt. Ist doch unglaublich. 

Um 19 Uhr kam er dann, Jürgen, der Bayer vom Nordkap, Baujahr 1949, also genau 10 Jahre älter als ich. Seit 1971 wohnt er hier in dieser unwirtlichen Gegend, in der es 3 Monate kalt ist und neun Monate Winter herrscht, in der kein Baum mehr wächst, und die auch zur Arktis gehört. Kein bayerisches Bier, kein bayerisches Wort, kein bayerisches Fernsehen, was mir wirklich fehlen würde, aber auch kein bayerischer Schweinsbraten und keine bayerische Wirtshaustradition, das ist doch unglaublich. Ich würde das nicht aushalten. Da hat der Seehofer schon recht, Bayern ist die Vorstufe zum Paradies.

Bis um 2 Uhr nachts hat er uns seine Lebensgeschichte erzählt, wir klebten an seinen Lippen. Heute ist ja die Entfernung kein Problem mehr, doch vor 20 und mehr Jahren war die Fahrt nach Deutschland mit dem Auto eine 3-tägige Weltreise. Norwegen war ein sehr armes Land, meinte er, bis man das Öl fördern konnte. Heute scheint Norwegen das reichste Land der Welt zu sein.

Jürgen ist seit 20 Jahren mit Eva aus Nürnberg verheiratet. Sie ist Künstlerin und hat 2 Galerien, eine davon in Honningsvåg, die andere in Komøyvær.


Die nördlichsten Bayern auf dem europäischen Festland 

2 Stunden lang hat er mir Anekdoten aus seinem bewegten Leben erzählt, der Bayer, der dem Nordpol am nächsten ist. 

Dann ging es wieder zurück zu den beiden Jungs, 3 Dosen Bier und etwas zum Essen, dann kam das Bett. Denn ich war müde, von der Fahrradfahrerei, waren es doch 60 km und knapp 1200 Höhenmeter. 

Es ist jetzt ganz genau 13 Uhr, ich sitze schon auf dem Schiff, während die meisten Passagiere mit dem Bus zum Nordkap gekarrt werden, wahrscheinlich von Alex oder Alex, oder auch Jürgen, denn auch er ist als Guide hier beschäftigt.

Zeit für mich alles was mir einfällt – fast alles – niederzuschreiben.

Am Samstag, 18. März war der erste Tag mit dem Fahrrad von Sevilla auf diese irrsinnige Fahrradreise. Das sind jetzt genau 13 Wochen und 2 Tage seitdem ich mit meinem MTB immer in Richtung Norden fahre. Von diesen genau 93 Tagen habe ich 13 oder 14 Tage pausiert, was dem lädierten Hinterteil wirklich mehr als gut tut. Die Strecke, die ich zurückgelegt habe ist 7.490,60 Kilometer lang, mit 40.100 Höhenmetern. 

Ein Kampf gegen Wind und Wetter, am meisten allerdings gegen mich.

Der Ziellose erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es. Immanuel Kant

In zahllosen Seminaren wird jedem Teilnehmer eingetrichtert, dass man sich Ziele setzen muss, um weiter zu kommen. Oftmals kann ich damit nicht viel anfangen, denn das Leben ist derartig vielfältig, dass es mit dem Menschen Katz und Maus spielt. Man kann schlicht und ergreifend das Leben nicht komplett verplanen. 

Man sollte sich aber Gedanken machen, in welche Richting man gehen möchte, und welche Art der Reise man antreten möchte. Die Summe der Teilziele bringen den Menschen dann irgendwann zum Ziel. Das ist in meiner Reise so, beim Sport so, das begleitet uns im ganzen Leben. 

Immer wieder wird und wurde mir die Frage gestellt, wie ich auf diese Schnapsidee  kam, diese Fahrradtour zu machen, und insbesondere in Sevilla zu starten. Dafür gibt es natürlich viele Gründe:

1. Ich wollte den Eurovelo 1, die sogenannte Atlantikküstenroute komplett durchfahren.

2. Dieser Eurovelo 1 ist fast deckungsgleich mit den schönsten Jakobspilgerwegen durch Spanien, der „Via de la Plata“ und dem „Camino frances“. Man bewegt sich hier meist auf Wald- und Feldwegen sowie auf schmalen Pfaden, gänzlich ohne Straßenverkehr in der Ruhe der Natur. Es geht immer wieder durch wunderschöne mittelalterlich Städte, die dem Pilger eine Menge über die Geschichte erzählen werden. Die Architektur ist meist top restauriert.

3. England kenne ich quasi nicht

4. Irland auch nicht

5. Schottland gar nicht

6. Norwegen erst recht nicht

Mehr Gründe brauche ich wohl nicht zu erwähnen! Gibt es eine bessere Reisemöglichkeit als mit dem Fahrrad? Die Geschichte, die Architektur, die Natur, die Kultur und die Menschen eines Landes kennenzulernen, sogar zu „er-fahren“.
Als Fernradreisender genießt man einen unglaublichen Respekt, vielleicht sogar Bewunderung, man wird offen empfangen, man kommt mit den Menschen ins Gespräch.

Das ist kein Spitzensport, was ich hier betreibe, eher ein Ausdauersport, abhängig von der eigenen Motivationsfähigkeit. Das Problem ist nicht die Kraft, die Ausdauer oder das Hinterteil, nein das ist der Kopf!

Jeden Tag in früh die Satteltaschen packen, vielleicht das Zeltabbauen, dann aufs Fahrrad, Unterkunft oder Campingplatz suchen, Zelt aufbauen, auspacken, einkaufen und essen machen, 2 Bier trinken und schlafen. Jeden Tag die gleiche Zeremonie.

Genau so verläuft unser ganzes Leben in einer gleichmäßigen Routine, die die Zeit unglaublich schnell vorbeiziehen lässt. Dann stellen wir uns die Frage, wie schnell wir alt geworden sind.

Auf dem Rad und in der Natur spürt man tatsächlich das Leben. Es ändert sich sukzessive die Wahrnehmung, es baut sich eine unglaubliche innere Ruhe auf, die ich in dieser Form nicht kenne.

MS Polaris im Anmarsch


Blick von Bord beim Auslaufen


Honningsvåg 
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6 Gedanken zu “18.6.2017

  1. Maxl 18. Juni 2017 / 23:13

    Servus Alois,
    Dein Hauptziel hast Du schon mal erreicht. Chapeau! Man könnte vielleicht auch Halbzeit dazu sagen. Ich finde es schon sagenhaft, ja beneidenswert, was Du in den letzten 4 Monaten so alles – durchweg positives – erlebt hast. Freilich ist das nicht „umsonst“ gewesen. Schmerzen, Gegenwind, der innere Schweinehund, schlechtes Wetter ……….waren die Kosten dafür. Aber es hat sich doch gelohnt dafür zu kämpfen immer wieder ein gestecktes Ziel zu erreichen, manchmal über nervige Umwege. Ich sitze hier in unserer halbleeren Wohnung in Regensburg. Der Umzug hat schon begonnen. Ende Juli haben wir dann unser nächstes Ziel erreicht, wenn wir in H wieder zusammen eingezogen sind. Dafür haben wir lange und hart gekämpft.
    In diesem Sinne wünsche ich Dir weiterhin viel Spaß, Energie, Durchhaltevermögen und vor allem Sitzfleisch. Ich bin schon sehr auf die nächsten Tage gespannt.

    Viele Grüße Maxl

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    • Biker und Speaker 18. Juni 2017 / 23:17

      👍🏿👍🏿👍🏿🍷🍷🍷
      Freut mich für euch!

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  2. ludwigunterwegs 19. Juni 2017 / 6:33

    Herzlichen Glückwunsch! Es ist schon imposant, was du erreicht hast! Ich habe mit großen Interesse deine Berichte über den Norwegenanteil deiner Tour gelesen und jeden Tag den Hut vor deiner Leistung gezogen.

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  3. Hansjörg Linder 19. Juni 2017 / 9:54

    Hi Alois
    Herzlichen Glückwunsch zu deiner immensen Leistung. Agnes und ich haben deine Beiträge mit verfolgt und vor allem die kaum zu beschreibenden Gefühle, wenn die letzten Schritte zum Nordkap geschehen, nochmals miterlebt. Uns ist es je ein paar Tage vor dir ‚passiert‘ und hat in uns beiden so nachhaltige Eindrücke generiert, wie sonst kaum auf unseren Reisen irgendwo hin:-) Geniesse nun deine Erholungsreise und wie es aussieht bei schönstem Wetter.
    Wir haben unser Unterwegshäusle erfolgreich abgegeben und warten nun noch auf die Maut- und Blitzerkosten:-( Bei uns zuhause in der Gegend von Solothurn sitze ich bei schon 25 Grad Celsius beim zweiten Kaffee an der Sonne und bearbeite die grosse Menge unserer Bilder von der Skandinavienreise. Bei den Nordkap-Bildern fährt es halt wieder ein und lässt mich gedanklich erneut kaum los:-)
    Lieber Alois, wir haben viel an dich und auch an Pia gedacht und ziehen beide den Hut vor euren Leistungen, die euch Beiden nie mehr weggenommen werden können. Danke nochmals für den herrlichen gemeinsamen Abend mit unserem 11i-Bier aus Solothurn. Trag Sorge zu dir und geniesse mit deinem Radl den Rest deines ‚Ausfluges‘.
    Herzlichst, Agnes und Jonny

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    • Biker und Speaker 19. Juni 2017 / 18:22

      Viele liebe Grüße nun aus Finnland.
      Es freut mich, dass ihr an mich denkt.
      Bis bald!
      Alois

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  4. franzl56 19. Juni 2017 / 11:26

    deine berichte wurden von tag zu tag besser je näher du dem nordcap gekommen bist. ich freue mich jeden abend auf deine ausführungen.

    weiter so franzl

    Von meinem iPad gesendet

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