14.05.2017

Aberdeen – Oslo

Eigentlich war die Reise etwas anders geplant oder gedacht, als ich sie bis zum heutigen Tag durchgezogen habe. Wie kam ich auf die Idee beziehungsweise auf den verrückten Gedanken, 15.000 oder 20.000 Kilometer mit dem Mountainbike zu fahren um dabei Europa fast zu umrunden. 1987 oder 1988 habe ich mir mein erstes Mountainbike gekauft und alle Wanderwege rund um Regensburg erkundet. Ich war niemals ein Rennradfahrer, weil mich der Straßenverkehr immer aufgeregt hat. Mit dem Mountainbike ist man in der Natur unterwegs, und kann die Ruhe und die gute Luft genießen. Über Stock und Stein zu fahren macht riesigen Spaß, man muss sich konzentrieren und schauen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. 

Immer wieder habe ich kleinere Radtouren gemacht, 2 mal nach Wien, einmal nach Prag, einmal ins Lungau auf die Mehrlhütte. 

Vor 2 Jahren beschloss ich kurzer Hand mit meinem 10 Jahre alten MTB und völlig untrainiert nach Santiago de Compostela zu radeln. Meine physische Situation war eher beängstigend schlecht. Schlechte Ernährung und jeden Tag 50 Zigaretten sowie meine persönliche Unzufriedenheit hätten mich wahrscheinlich zum körperlichen Kollabs geführt. 

Am Ostermontag war es dann soweit, Start in Regensburg gegen 11 Uhr Richtung Donaueschingen am Donauradweg. In Kapfelberg kam ich in einen Schneesturm und fragte mich ob es nicht besser wäre, in eine Psychotherapie zu gehen, oder diesen Irrsinn durchzuziehen.

4 Wochen vorher hatte ich übrigens zu das Rauchen final beendet. 

Das war eine traumhaft schöne, lehr- und erfahrungsreiche Reise. Für diese 2800 km benötigte ich genau 35 Tage. Ich genoss das Alleinsein, die Ruhe und die Natur, aber auch die alten geschichtsträchtigen Städte und Orte in Deutschland, Frankreich aber auch in Spanien. 

Ich genoss aber auch jede Minute, in der ich mich mit mir und meinen Gedanken und Gefühlen auseinander setzen konnte. Ich genoss es, meine Gedanken endlich einmal zu Ende denken zu können.

Welch eine Erfahrung!

Der Jakobsweg packte mich genau so, wie es vielen Anderen ebenfalls ergeht.

Das Wesentliche ist wohl die Freiheit die man plötzlich erlebt, und das damit verbundene Glücksgefühl. Sich auf irgend einen Felsen zu setzen, einen Apfel zu essen und in die Natur zu blicken, das sind banale Erlebnisse aber elementar. Das Leben zu fühlen, die Sinne, die uns die Evolution gegeben hat in Anspruch zu nehmen, muss man erst einmal neu erlernen und zulassen.

Letztes Jahr flog ich mit einem Freund nach Faro an die Algarve. Von dort aus führte uns unser Weg zum Capo do Vince, dem südwestlichsten Zipfel des europäischen Festlandes. Auf dem und portugiesischen Jakobsweg gelangt man über Lissabon, Porto, Coimbra nach Santiago de Compostela. Michael musste wieder nach Hause während ich mit dem Fahrrad nach Hause zurückkehrte.

Wieder eine super Reise mit insgesamt 4.200 km.

Im Herbst ging mir die jetzige Radtour nicht mehr aus dem Kopf, also beschloss ich im März zu starten. Zunächst auf den Eurovelo 1, dem Atlantikküstenweg, von Sevilla zum Nordkap. Allerdings wollte ich in Spanien auf der Via de la Plata fahren, dann auf dem Camino frances, zwei geschichtsträchtige Jakobsweg die man einfach gesehen haben muss.

Ob ich wenigstens dieses Mal vorbereitet war? Ein ganz klares Nein, kann ich da nur antworten. 

Gut, „Bikezeit“ in Neutraubling hat mich super unterstützt. Sie haben mein Fahrrad komplett überholt, mir die entsprechenden Erstzteile gegeben, bis hin zu Ersatzspeichen.

„Mein Ausrüster“ in Wörth hat mir geholfen, was den gesamten Outdoor Bereich wie Zelt, Isomatte etc. betrifft. 

Das war’s mit meiner Vorbereitung!

Jetzt wird sich jeder fragen, wie ich auf die Idee komme, Regensburger auf meiner Reise zu besuchen und zu „interviewen“.

Das ist natürlich nicht mir eingefallen, sondern Mänk Wunnike, dem Geschäftsführer der „Mittelbayerischen Zeitung“ in Regensburg. Ich fand diesen Gedanken klasse, zumal Helmut Wanner von der MZ meine Erfahrungsberichte in eine journalistisch einwandfreie Form bringt. 

Gerade sitze ich im Flieger von Aberdeen, unserer Patenstadt nach Oslo. Dort werde ich Dr. Stephan Röhrl treffen, der hier mit seiner Familie nicht nur lebt und arbeitet, sondern immer noch als Sportler und ehemaliger Judoka aus Abensberg in Norwegen schwer aktiv ist. 

Ich habe jetzt gerade noch 5 Wochen um mein erstes großes Ziel, das Nordkap am 21. Juni zu erreichen. Ich denke, dass ich schon noch das eine oder andere Mal auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen muss. Ich befürchte the, dass es jetzt richtig anstrengend wird. Die Einfahrzeit ist vorbei. 

Am Nordkap beginnt der Eurovelo 13, der sogenannte „Iron Curtain Trail“, der Weg des eisernen Vorhangs. Das Ende liegt am Schwarzen Meer. Soweit werde ich wahrscheinlich nicht kommen.

Das heißt, 8 Monate Freiheit, Glück und Natur. Aber auch 8 Monate in denen man sich jeden Tag neu motivieren muss, auch wenn es richtig weh tut.

„Des schod ned“, hätte meine Oma gesagt, „des hod noch nie oan gschod“!

Und jetzt sitze ich bereits in Oslo am Bahnhof und harre der Dinge die da kommen werden. Stephan Röhrl holt mich ab, denn mein Asylantrag in seiner Familie ist durchgegangen. Ich freue mich so, als wären wir schon lange gute Freunde. So ist das, wenn man seit 2 Monaten nicht mehr zu Hause war.

Ein Gedanke zu “14.05.2017

  1. gerhard.steck@t-online.de 15. Mai 2017 / 18:18

    Hallo Alois, bin wieder beeindruckt von deinem Reisebericht 👍👍👍👍 Und die besten Wünsche zum Geburtstag LG Gerhard

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