2.10.2017

Patras

Ich habe mir diesen Tag heute ganz anders vorgestellt, obwohl ich natürlich wusste, dass es eher langweilig werden würde. Alle kulturellen Stätten, alle Museen und Ausgrabungsorte sind montags hier geschlossen. Jetzt sitze ich hier in der Fußgängerzone, trinke bereits den 2. Cappuccino. Erst nachts um 12 Uhr startet die Fähre, die wahrscheinlich genauso langweilig sein wird. 2 Nächte kommen jetzt auf mich zu, in denen ich kein Bett sehen werde. Ich sollte das natürlich überstehen, keine Frage. So werde ich jetzt die Zeit nutzen, um ein kleines Resümee meiner Reise zu ziehen. 

Und diese Reise ging los, als ich vor 2 Jahren beschloss, mit meinem alten Mountainbike nach Santiago de Compostela zu radeln. Warum ich gerade dahin fahren wollte, warum ich eine Fahrradtour machen wollte, ganz allein, war die Frage meines Umfelds und meiner Freunde. 

Ich wollte allein sein, ich wollte mich wieder einigermaßen fit machen und vielleicht auch nachdenken. Die Gelegenheit nutzen mein Leben zu verändern? Ja, sicherlich auch ein Ansatz, den ich für mich allerdings nicht so definierte.

Noch in Deutschland, am Donauradweg traf ich einen Schweizer mit seinem Fahrrad. Er erzählte mir, dass es europäische Fernradwege gäbe, unter anderem den Atlantikküstenweg, Eurovelo 1, und den Iron Curtain Trail, den Weg der Geschichte der Trennung Europas, Eurovelo 13. 

Dieser sympathische Schweizer infizierte mich mit diesem Gedanken, den ich nicht mehr los wurde. Letztes Jahr machte ich wieder eine Reise mit dem Rad. Ich flog nach Faro an die Algarve, wo ich mich mit Michael Mengel traf, um von dort aus den portugiesischen Jakobsweg zu fahren. Sein Tod vor 2 Wochen hat mich sehr getroffen.

Von Santiago de Compostela aus, fuhr ich dann nach Hause, über den Camino frances, dem sagen wir klassischen Jakobsweg, und dann auf dem Eurovelo 6. Dieser Weg beginnt am Atlantik und endet am Schwarzen Meer. 

Wieder machte es mir furchtbaren Spaß mit dem Fahrrad zu verreisen, Land und Leute kennen zu lernen, einfach das Leben intensiv zu spüren. Als ich dann wieder zuhause war, war es vollkommen klar, dass ich jetzt weitermachen müsse, dass ich 2017 aufbrechen müsse, um Europa zu umrunden. Was für eine verrückte Idee, das ist mir schon klar, aber ich war mir sicher, dass ich das schaffen würde. Es geht ja nicht hauptsächlich um den körperlichen Aspekt, es geht mehr um das Durchhaltevermögen, um die Geduld, die man aufbringen muss, um die tägliche Überwindung des inneren Schweinehunds, den Gefahren zu trotzen, und natürlich nicht in der Einsamkeit zu verkümmern,  wie eine nicht gegossene Pflanze. 

Man muss sich diesen Herausforderungen stellen, und auf die Menschen, die man trifft, zugehen, man muss sich öffnen. Das ist für mich aber sicherlich kein Problem, weil ich offenherzig auf die Menschen, gleich welcher Couleur, Herkunft oder Schulbildung zugehe. Das ist aber nicht immer einfach, wenn ich an Serbien denke, oder gar Bulgarien denke, in diesen furchtbar armen Ländern. Das ist für mich auch nicht einfach. Mit einem Lächeln auf den Lippen hat man aber die Chance, andere Menschen für sich zu gewinnen. So gesehen, wurde ich überall mit offenen Händen empfangen und verspürte eine unglaubliche Sympathie, die mir entgegen gebracht wurde, und zwar überall. 

Als ich am 17. März in Sevilla am Flughafen ankam, nahm ich erstmals wahr, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte. Auf einmal realisierte ich, welche gewaltige Strecke nun vor mir liegen würde. Das ist doch irre, was ich mir da in den Kopf gesetzt habe, waren meine Gedanken. Jeden Tag musste ich mich aufs Neue motivieren und einfach weiterfahren, Interesse an der Landschaft, der Architektur, der Geschichte aber ganz besonders Interesse an den Menschen zeigen, die mir über den Weg gelaufen sind. 

In Spanien auf der Via de la Plata und dem Camino frances, durch Frankreich an der Atlantikküste hoch bis in die Bretagne, Südengland, Wales und dann mit der Fähre nach Irland. Ich kannte weder England noch Wales, geschweige denn Irland, und war in der Lage mich für diese Länder zu begeistern. Die Highlands in Schottland, ein landschaftlicher Genuss waren dann allerdings ein Abklatsch gegen Norwegen, obwohl es dort anfangs nur regnete. Hier galt es, den Kampf gegen Wind und Wetter aufzunehmen, gegen Regen und Schnee. Verzweiflung oder Gedanken zum Abbruch der Reise kamen allerdings nie auf. Als das Wetter mal richtig schlecht wurde, habe ich mich für die Hurtigrute entschieden. Das waren sicherlich 500 Kilometer mit dem ältesten Postschiff auf der Hurtigrute, der MS Lofoten. Ab Stamsund auf den Lofoten war das Wetter genial, ab da stieg ich auf das Zelt um. Denn Norwegen ist für uns Deutsche richtig teuer, Schnäppchen sehen anders aus. Dennoch ein wahnsinniges Erlebnis. 

Dann kam Finnland, ein Wettersturz, Regen und Schneeregen und das um den 20.Juni, circa 1500 Kilometer durch die finnischen Wälder und Seen, und je südlicher ich kam, würde es nicht nur wärmer, sondern die Moskitos fielen geradezu über mich her. Einsamkeit ist ein finnisches Substantiv. 

Das Baltikum ist einfach auch nur sehenswert, sowohl landschaftlich als auch kulturell und geschichtlich. Diese Länder mit dem Fahrrad langsam zu „erfahren“ kann ich nur jedem empfehlen. Polen, die Masuren, Danzig und die Ostsee, das muss man gesehen haben, und der Ruf der Polen ist weit schlechter als es tatsächlich der Fall ist. 

MEntlang der deutsch-polnischen Grenze ging es nach Görlitz und Zittau, dann kam Dresden, Prag und Regensburg, tolle Radwege, wunderbare Landschaften und hervorragendes Essen. Unser deutsches Brot, eine deutsche Wurst, was gibt’s denn Besseres?

Je weiter es in den Süden ging, umso ärmer sind die Menschen. Städte wie Belgrad oder Sofia waren für mich ein Grauen. Die Roma wohnen, vielmehr hausen sie in Slums ohne Kanalisation – und das mitten in Europa. Wenn man da den Menschen in die Augen sieht, dann sieht man das Spiegelbild von Chancenlosigkeit in unserer Gesellschaft. Generationen wird es wohl dauern, bis diese Menschen den Anschluss gefunden haben, denn sie gehörten immer schon zur untersten Kaste. 

Griechenland kämpft immer noch mit der Pleite, sie hassen eher Schäuble als Merkel, wissen aber um die Ursache ihre wirtschaftlichen und finanziellen Probleme. 

Und wir Bayern sind die Freund der Griechen! 

Ende nächster Woche werde ich wieder zuhause sein, schon jetzt mache ich mir Gedanken, was ich nach diesem Trip noch anstellen werde. 

Ein Gedanke zu “2.10.2017

  1. Johann Bock 2. Oktober 2017 / 18:33

    Danke für die täglichen Berichte, einfach nur toll u so lebendig geschrieben.
    Ich bin selbst intensiver Radfahrer u habe großen Respekt vor ihrer Leistung! Man bekommt sofort Fernweh
    Gute Rückfahrt!

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